ÄGGP fordert Alternative zu IGeL-Konzept


 

Nicht nur der in der Ärzteschaft vielkritisierte „IGeL-Monitor“ wirft ein schlechtes Licht auf die Selbstzahlerleistungen – auch die Ärzte selbst haben zum Teil für Unsicherheiten bei den Begrifflichkeiten gesorgt, meint Dr. Norbert Panitz, Vorsitzender der Ärztlichen Gesellschaft für Gesundheit und Prävention (ÄGGP). Im nachfolgenden Beitrag hat sich Panitz mit dem Thema auseinandergesetzt und begründet, warum er einen neuen Ordnungsrahmen und einen neuen Namen für die Leistungen empfiehlt:

Der IGeL Monitor der Krankenkassen zwischen tendenziell negativ und unklar

Die folgende Analyse des „IGeL-Monitor“ der Krankenkassen belegt: Durch verzerrte Bewertung werden nicht nur Leistungen der Selbstzahlermedizin diskreditiert, sondern generell die Leistung der Ärzte als „Verkaufsmedizin“ in ein schlechtes Licht gerückt. Die Ärztliche Gesellschaft für Gesundheit und Prävention (ÄGGP) analysiert den Monitor nicht nur stellvertretend für andere derartige Dienste; sie zeigt auch auf, welchen Anteil die Ärzte selbst daran haben, dass der IGeL als Marke unbrauchbar wurde.

Es sind erst 36 individuelle Gesundheitsleistungen, die der IGeL-Monitor im Laufe der letzten Jahre bewertet hat. Die sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) sind ärztliche Leistungen, die aus verschiedenen Gründen nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen vorkommen.

Die 36 Leistungen sind im Wesentlichen IGe-Leistungen der Fachgebiete, die einen großen Teil der Selbstzahlermedizin ausmachen. Viele andere, der mittlerweile 420 verschiedenen IGeL-Leistungen aus insgesamt 13 Leistungsbereichen und allen Fachgebieten, wie z.B. die Raucherentwöhnung, Paartherapie, ernährungsmedizinische Beratung oder Behandlung von Konzentrationsstörungen ohne Vorliegen einer Erkrankung, wurden bislang nicht auf den Prüfstand gestellt.

Plausibel, wenn auch im Konkreten wenig hilfreich, sind die folgenden fünf Bewertungs-Kategorien des IGeL-Monitors:

„positiv“ 0 IGe-Leistungen
„tendenziell positiv“ 4 IGe-Leistungen
„unklar“ 13 IGe-Leistungen
„tendenziell negativ“ 11 IGe-Leistungen
„negativ“ 4 IGe-Leistungen
Ohne Bewertung 4 IGe-Leistungen

Und bei näherer Betrachtung…?

Die Gruppe der nicht bewerteten IGeL setzt sich aus Attesten, reisemedizinischer Beratung, Sportcheck und Entfernung von Tätowierungen zusammen. Sie werden nicht bewertet, weil sie nach Aussage des IGeL-Monitors von den Krankenkassen nicht bezahlt werden und eindeutig IGeL sind. Hier bricht die Argumentationskette des Monitors! Denn die Kriterien „keine Kassenleistung“ und „eindeutig IGeL“ sind genau die Kriterien, die die übrigen 32 Leistungen auf das Radar des IGeL-Monitors gebracht haben. Eine verquere Logik: Die vier werden nicht bewertet, weil sie IGeL sind, die übrigen werden bewertet, weil sie IGeL sind. Oder doch nicht? Vielleicht hätten die vier Leistungen als „positiv“ bewertet werden müssen.

(Un)Systematik der „negativen“ Bewertung

Die folgenden vier Leistungen sind negativ bewertet worden:

1. IgG-Bestimmung

Nach ÄGGP Recherche führt kein Arzt die IgG Untersuchung in seiner Praxis durch, sodass man davon ausgehen muss, dass diese Untersuchung, falls sie vermehrt angeboten wurde, mittlerweile als obsolet betrachtet wird.

2. Colon-Hydro-Therapie

Die Colon-Hydro-Therapie ist als ausgesprochen negativ zu bewerten und wird wahrscheinlich/hoffentlich überhaupt nicht mehr angeboten.

3. Ultraschall Eierstöcke

Auch den Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung gibt es in dieser beschriebenen Art kaum noch, sondern diese Untersuchung wird im Rahmen einer Untersuchung nicht nur der Eierstöcke, sondern aller Organe im Unterbauch durchgeführt. Die Sinnhaftigkeit dieser Untersuchung ist unumstritten und nicht mehr aus dem Vorsorgeprogramm der Frauenheilkunde wegzudenken. Der Ultraschall nur zur Untersuchung der Eierstöcke als Vorsorge dagegen findet kaum mehr Anwendung als Einzeluntersuchung, so dass auch hier eine IGeL-Leistung beschrieben wird, die sich in der Praxisrealität nicht mehr darstellen lässt.

4. Toxoplasmosetest

Schließlich ist der Toxoplasmosetest bei Schwangeren beim IGeL-Monitor in die Kritik geraten. Auch das ist, was die Meinung der Frauenheilkunde angeht, Ansichtssache. Gegen den Test wird vom IGeL-Monitor ins Feld geführt, dass bei einem auffälligen Befund bei weiteren Untersuchungen, wie der Untersuchung des Fruchtwassers, das Risiko einer Fehlgeburt entsteht. Demgegenüber stünden, eher seltene, Fehlbildungen.

Selbstverständlich wird in der Frauenheilkunde das Risiko einer Fehlgeburt nicht unterschätzt. Es wird sorgsam mit den werdenden Müttern besprochen und abgewogen.

Beim IGeL-Monitor liegt aber auch ein Denkfehler vor. Wenn nämlich, aus welchen Gründen auch immer, eine Infektion nachgewiesen wurde durch den Anstieg des Titers, so sind alle folgenden Leistungen von der Krankenkasse abgedeckt.

Somit müsste im Grunde nach der Logik des IGeL-Monitors die Untersuchung des Fruchtwassers keine Kassenleistung sein, um das damit in Zusammenhang stehende Risiko einer Fehlgeburt auszuschließen. Solche Inkonsequenzen finden sich mannigfach.

In der frauenärztlichen Praxis findet eine intensive Beratung statt. Ein individuelles Vorgehen wird besprochen und keinesfalls gibt es einen Automatismus, der zwangsläufig zu einer Fruchtwasseruntersuchung führt. Tatsächlich sind die Schädigungen des Embryos durch die Infektion im Allgemeinen eher selten, was zur Grundlage der Erörterung mit der Patientin gemacht wird.

Bewertungsschema „tendenziell negativ“

Durch diese „negativen“ Bewertungen bleibt ein Fleck auf den weißen Kitteln der Ärzte, obwohl die Bewertungssystematik des ‚Monitors‘ einer Überprüfung nicht standhält. Der Fleck verdunkelt sich noch weiter durch die Tatsache, dass 11 von 36 IGeL-Leistungen als „tendenziell negativ“ bewertet werden. Folgende Gründe haben zu „tendenziell negativen“ Bewertungen geführt: U.a. „vorübergehende Nebenwirkungen“, die tatsächlich aber auch bei vielen medizinischen Verfahren und Behandlungen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen die Regel sind. Antidepressiva haben zum Beispiel in der ersten Woche der Medikation meist starke Nebenwirkungen, die aber dann tatsächlich wieder verschwinden.

Nach diesem Kriterium müssten dann wohl auch die Bewertung „tendenziell negativ“ bei vielen anderen Verfahren, Medikationen oder diagnostischen Maßnahmen des GKV-Katalogs vorliegen.

Eine weitere Begründung der „tendenziell negativen“ Bewertung wird in der möglichen Entstehung falscher Befunde gesehen. Aber passieren diese nicht auch in der Krankenkassenmedizin, weil dort die gleichen apparativen, laborchemischen Untersuchungen mit den gleichen Instrumenten und dem gleichen Personal durchgeführt werden? Heißt das jetzt, dass alle laborchemischen Untersuchungen nun als „tendenziell negativ“ eingestuft werden müssen? Des weiteren wird angeführt, dass es nach den IGeL häufig zu Folgeuntersuchungen kommt (auf Kosten der Kasse!) und auch zu unnötigen Diagnosen, die die betreffenden Patienten nur irritieren und keine weitere Bewandtnis hätten.

Folgt man dieser Logik, wäre eine Präventionsmaßnahme generell als „tendenziell negativ“ anzusehen, auch wenn sie von den Kassen übernommen wird!

Nebenwirkungen, wie Rötungen und Schwellungen oder Schäden bei der Applikation, wie beispielsweise brennender Schmerz bei der Anwendung des Ultraschallkopfes oder auch bei der Blutentnahme, führen ebenfalls zu entsprechender “tendenziell negativen“ Bewertung. Also auch hier sei gestattet zu fragen, ob nicht alle Ultraschalluntersuchungen demnach abzulehnen sind? Nebenwirkungen, daran sei erinnert, haben in diesem Fall nichts mit der Indikation, sondern nur mit der Disposition des Patienten zu tun.

Zu guter Letzt, oder sollte man lieber sagen, „das ist das Letzte“, kommt es noch zu folgender, fast zynischer Aussage: „Schlimmstenfalls(!)“ werden Tumore aufgespürt, die wegen langsamen Wachstums nicht entdeckt oder behandelt werden müssen!

Hierzu sei anzumerken, dass die Medizin das Hellsehen nicht vorsieht. Niemand kann voraussagen, ob ein Tumor nun schnell wächst oder nicht oder ob er zum Tode führt oder nicht. Nach der Logik des IGeL-Monitors ist das Leben eben ein Glücksspiel, bei dem am Ende immer der Arzt gewinnt.

Andererseits kann es nun wieder vorkommen, dass es trotz vorübergehender Schmerzen („vorübergehende Nebenwirkung“), wie z.B. bei der Stoßwellentherapie der Fersenbeinschmerzen, diese Untersuchungsmethode letztendlich trotzdem als „positiv“ beschrieben wird, was zuvor noch zu einer negativen Bewertung geführt hätte.

Es bleibt also vieles unklar in den Bewertungen durch den IGeL-Monitor, der im Hinblick auf die bisherigen Bewertungen sich im Gesamteindruck „tendenziell negativ“ äußert.

Unklarheiten bei der „unklar“-Systematik

Tatsächlich, „unklar“ gibt es auch als weitere Kategorie, wobei nicht die Leistung an sich „unklar“ ist, sondern vor allem die Datenlage als zu geringfügig beschrieben wird, was dann zu dieser Beurteilung führt. Sollte dadurch suggeriert werden, dass Ärzte nicht wissen was sie tun? Oder dass sie besser nichts tun sollten? ,Fakt ist: Nicht selten ist die Datenlage geringfügig, aber die Behandlungsevidenz unerschütterlich.

Zu einem „unklar“ in der Bewertung gelangen die Autoren auch, wenn sich „Nutzen und Schaden“ der Anwendung „die Waage halten“.

„Unklar“ ist auch, wenn der Nutzen der Behandlung nicht besser ist als bei einer Scheinbehandlung, d.h. dass Patienten tatsächlich nicht die Behandlung erhalten, sondern ihnen glauben gemacht wird, sie seien behandelt worden.

Wäre das also die Empfehlung des IGeL-Monitors, jetzt den bis zu 20-30 Prozent zu Buche schlagenden Placebo-Effekt in den Leistungskatalog aufzunehmen. Oder sollte er eventuell zugeben müssen: „ Die Folgekosten gefallen uns nicht, wir tun besser so, als ob nichts Krankhaftes vorliegt, denn die Natur heilt ohnehin kostenlos.“

Fazit

Die aufgeführten Kategorien „tendenziell positiv“, „unklar“ und „tendenziell negativ“ rufen bei Patienten und Ärzten Unsicherheit hervor, bieten aber selbst wenig Nutzen. Und dieses intransparente System wird die Krankenkassen, also die Versicherten, weiter sehr viel Geld kosten: Allein das erste Jahr des IGeL-Monitors soll 360 000 Euro gekostet haben.

Die Kritik, dass der IGeL-Monitor damit Patienten weiter von Selbstbestimmung in ihren eigenen Gesundheitsbelangen abhält und eine passive Empfangsmentalität nährt, muss er sich aber schon gefallen lassen. Der Monitor ist weit entfernt von der ärztlichen Realität. Dies wird besonders dann deutlich, wenn nach und nach IGeL in den Leistungskatalog der Krankenkassen übernommen werden, wie zum Beispiel jüngst der Sportcheck oder bestimmte Anwendungen der Akupunktur. Es scheint, als würde um der Diskreditierung der Selbstzahlermedizin als überflüssige Medizin willen, die Beschädigung einer bewährten und notwendigen Vertrauenskultur zwischen Patient und Arzt in Kauf genommen.

Auch ein Fehler der Ärzteschaft

Es ist zwischen der medizinischen Leistung, die hinter den IGeL steckt, und ihrer ‚Vermarktung‘ zu unterscheiden. Als Marke ist der IGeL durch die finanziell gut ausgestattete Gegenkampagne durch IGeL-Monitor und andere gescheitert. Dies ist auch ein Fehler der Ärzteschaft, die die Definitionshoheit in diesem medizinischen Gebiet aus der Hand gegeben hat. Die Definitionshoheit ist zwar nicht in bessere, aber politisch wirkungsvollere Hände übergegangen, wie die Macher des „Monitors“ und anderer. Medizinisch ist, das belegen die hier gelisteten Analysen, dem IGeL wenig anzuhaben: Da, wo er negativ ist, wird er auch von den Ärzten nicht mehr angewendet.

Die Ärztliche Gesellschaft für Gesundheit und Prävention (ÄGGP) schlägt aufgrund des aus ihrer Sicht nicht mehr nutzbaren Labels daher einen anderen Weg ein. Sie fordert die Korrektur des Fehlers der ärztlichen Leistungserbringer, den IGeL-Kosmos nicht aktiv gemanagt zu haben. Die Achillesferse des IGeL ist, dass er sich unnötigerweise als ein Nebeneinander aus guten und schlechten Leistungen diskriminieren lässt – der IGeL-Katalog ist bis heute nie bereinigt worden, d.h., gute und schlechte Leistungen können unter seinem Namen verortet und ärztliche Leistung damit diskriminiert werden. Diese Diskriminierung wird auch dazu verwendet, ärztliche Leistung insgesamt ins schlechte Licht zu rücken: „Der Arzt als Verkäufer“.

Daher empfiehlt die ÄGGP eine Abkehr vom IGeL-Konzept und spricht sich für einen neuen Ordnungsrahmen und einen neuen Namen aus. Demnach sollten nur noch solche Leistungen aus der Selbstzahlermedizin herausgehoben, die den Kriterien der Transparenz in der Leistungsdarstellung und der Leistungserbringung durch Ärzte genügen. Solchermaßen „Freie Gesundheitsleistungen“ sind nicht „tendenziell“ oder „unklar“, sondern überprüfbar, objektiv und standardisiert. Sie müssen durch ein „wikipedia-Prinzip“ korrigierbar und immer aktuell sein. Erst durch einen Bewertungsprozess von Selbstzahlerleistungen, den Experten etwa aus ärztlichen Berufsverbänden und Wissenschaftsgesellschaften vornehmen, wird diese als „Freie Gesundheitsleistung“ (FGL) publiziert.

Die ÄGGP hat u.a. eine „wikipedia-ähnliche“ Online-Enzyklopädie eingerichtet, in der die Leistungen einem mehrstufigen Freigabeprozess unterliegen. Erst wenn die Leistungen die Anforderungen nach Transparenz, Qualität und Facharztstandard erfüllen, nennt die ÄGGP sie Freie Gesundheitsleistungen. Diesen Status erhalten die FGL nur, wenn das ÄGGP-Bewertungssystem aus fünfstufiger Bewertung durch Patienten, Foren und Kommentaren, sowie neuen Erkenntnissen aus Studien und Behandlungserfahrung diese FGL als hilfreiche Gesundheitsmaßnahmen ausweist.

Außerdem werden durch die Experten der ÄGGP die FGL in fünf Gruppen unterschiedlicher graduell abgestufter FGL-Evidenzkriterien geordnet, die sich nach den jeweiligen Wirksamkeitsnachweisen richten.

Dr. med. Norbert Panitz

Vorsitzender der Ärztlichen Gesellschaft für Gesundheit und Prävention (ÄGGP)

Bundesplatz 4
10715 Berlin
www.aeggp.de

 

 

Rubrik: Berufspolitik

18.11.2015 14:29 / js

 

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