Bericht vom Kongress Freier Ärzte vom 16.04.2016


Der Kongress stand unter dem Motto:

„Freie Ärzteschaft

Staatseingriffe, Konzernmedizin und Big-Data- was wird aus dem freien Arztberuf?“

In drei große Abschnitte wurde das Thema untergliedert und von kompetenten Referenten bearbeitet.

Im Teil I referierten Prof. Di Fabio Richter des Bundesverfassungsgerichts a.D., Dr. A. Gassen Vorstandsvorsitzender der KBV  und Dr. A. Brunngraber stellvertretender Bundesvorsitzender Freie Ärzteschaft e. V. unter der Überschrift:

„Massive Staatseingriffe und die Folgen – welche Zukunft hat die ambulante Medizin in Deutschland?“

 

Prof. Di Fabio beschäftigte sich aus der Sicht des Juristen mit den aktuellen Problemen der ambulanten Medizin. Er beleuchtet die Situation des niedergelassenen Arztes in einem praktisch gespaltenen Markt. Der sozialen Marktwirtschaft steht die gelenkte Marktwirtschaft gegenüber. Und in dieser gelenkten Marktwirtschaft agiert das ambulante Gesundheitswesen. Der Staat greift hier ein, angeblich weil er sich um die Volksgesundheit kümmern muss und das zu bezahlbaren Kosten. Er deckelt deshalb je nach Bedarf die Honorare der Ärzte, um sie aber auf der anderen Seite mit den Risiken und Kosten der Freiberuflichkeit allein zu lassen. Im Prinzip wäre auch eine Verstaatlichung des Gesundheitswesens möglich. Das was den Gesetzgeber womöglich daran hindert, ist der wahrscheinliche Verlust der Kreativität des Freiberuflers und die sinkende Qualität der Versorgung bei deutlich höheren Kosten.

Da der Staat sich einmal eingemischt hat , wird er es immer weiter tun müssen und immer wieder an der Spirale drehen, unabhängig davon, welche Partei gerade den Gesundheitsminister stellt.

Was auf der Ärzteseite bleibt, ist das Vertrauen der Patienten in die Arzt-Patientenbeziehung und damit in die ärztliche Heilkunst.

Dr. A. Gassen beschäftigt sich mit dem Datenschutz, besonders auch bei den elektronischen Medien mit dem Fokus auf die weltweit über 100 000 Gesundheitsapps. Seiner Meinung nach sollte sich auch die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) dieser riesigen Menge an Informationen bedienen. Diese Meinung blieb im Verlauf des Kongresses nicht unwidersprochen.

Bei dem Thema ambulant vor stationär beklagt er, dass das Geld noch immer nicht der Leistung folgen würde.

Die Terminvergabestellen sind in seinen Augen nicht wirklich sinnvoll und notwendig. Diese werden auch in praxi nur geringfügig in Anspruch genommen.

Dr. Brunngraber als Vertreter der Freien Ärzte legte großen Wert auf den Datenschutz .Außerdem beklagte er die gelenkte Selbstverwaltung und das damit verbundene Problem, dass die Ärzteschaft

nicht mehr ernst genommen wird und ihre Stellung im Gesundheitsmarkt nur noch marginal darstellbar ist. Es wird viel über Qualität geredet, die aber nicht wirklich messbar ist und über angebliche  Bedarfe, die von selbsternannten Eliten bestimmt wird.

Außerdem seien die Patienten über wirkliche Probleme und tatsächliche Kosten im sogenannten Gesundheitsmarkt nicht informiert, da das System intransparent ist. Die einzige Alternative ist seiner Meinung nach daher die Kostenerstattung.

 

Im zweiten Teil ging es um die Neugestaltung der GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte):

 

Hier übte Dr. Lohaus der Vorsitzende von MEDI Berlin heftige Kritik an den Vorgängen rund um die GOÄ -neu  auf dem Sonderärztetag in Berlin. Er kritisierte besonders den Vorsitzenden der BÄK Montgomery, der kein Verantwortungsgefühl für das Totalversagen bei seiner „Chefsache“ erkennen ließ und die Schuld bei anderen suchen würde. Außerdem sei der SÄT extrem undemokratisch geleitet worden.

Dr. Dietrich der Bundesvorsitzende der Freien Ärzteschaft ergänzte, dass eine neue GOÄ  in dieser Form nicht sinnvoll wäre. Sie würde zu einer Einheitsgebührenordnung führen und außerdem wäre dann die Abrechnung von Freien Gesundheitsleistungen (FGL auch: IGeL) nicht mehr möglich.

 

Teil 3 trug die Überschrift: „Selftracking“ und Überwachungsmedizin-wohin steuert Big-Data den Arztberuf?“

 

Zuerst setzte sich Prof. Unschuld mit dem Problem „Gesundheit als Ware“ auseinander.

Die Medizin, die ärztliche Heilkunst und das Gesundheitswesen insgesamt haben eine stetige Entwicklung genommen und ein erhebliches Potential Krankheiten zu heilen und Leiden zu lindern.

Aber gerade durch diese Entwicklung ist die klassische Medizin großen Gefahren ausgesetzt. Es droht deren Ende. Technischer Fortschritt, gesellschaftlicher Wandel und besonders die zunehmende Ökonomisierung haben die Ärzte aus dem Zentrum der Entscheidungen an den Rand gedrängt.

Neue Akteure betrachten den Kranken als Ressource und die Gesundheit als Ware.

Was den Ärzten bleibt, ist das Vertrauen der Patienten, welches daher erster Angriffspunkt der Arztgegner ist. Irgendwie geartete Forderungen der Ärzte nach Verbesserung ihrer ökonomischen Situation wird meistens mit einer medialen Kampagne gekontert (z.B.Ärztepfusch u.ä) M.Starosik, Anwalt und Richter am Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin, setzte sich mit dem E-Health Gesetz auseinander.

Abschließend erörterte Frau Dr. Lüder  Probleme des Datenschutzes rund um die E -Gesundheitskarte.

 

Fazit der Veranstaltung:

Hochkarätige Referenten zeichnen insgesamt ein wenig optimistisches Bild für die Zukunft der Freiberuflichkeit der niedergelassenen  Ärzteschaft. Andere Akteure mit klarer Ausrichtung auf Gewinnmaximierung  scheinen in den Mittelpunkt zu drängen – mit und ohne Datenschutz. Uns Ärzten bleibt nur das Vertrauen unserer Patienten in unsere Heilkunst und das Verdrängen der Realität bis fast zur Selbstaufgabe oder die Aufgabe der Freiberuflichkeit.

Innerärztliche Solidarität, starke Berufsverbände und Funktionäre, die mit Herzblut unsere gemeinsamen Ziele vertreten, könnten eine vernünftige Zukunft sichern -vielleicht.

 

 

Autor:

Gedankenprotokoll und Fazit von

Dr. Gerd Merder, Facharzt für Gynäkologie,

Vorstand der Ärztlichen Gesellschaft für Gesundheit und Prävention e.V. (ÄGGP)