IGeL-Variante mit Potenzial


Medical Wellness ist gerade für niedergelassene Ärzte kein Selbstläufer. Es bedarf einer guten Organisation – auch, um Steuerfallen zu vermeiden. Wie der Einstieg in die Medical Wellness gelingen kann, zeigt ein Beispiel aus München.

NEU-ISENBURG. Der zweite Gesundheitsmarkt wächst und mit ihm auch der Anteil der Privateinnahmen von niedergelassenen Ärzten am Praxisumsatz. Das liegt zum einen an der Zunahme der Selbstzahlerleistungen in den Praxen, trotz aller Kritik an IGeL.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO) schätzt den IGeL-Umsatz in Arztpraxen 2012 auf etwa 1,3 Milliarden Euro. Besonders Fachärzte haben das Potenzial der Selbstzahlerleistungen für ihre Praxis erkannt.

Dass sie mit ihren Angeboten zum Teil längst auch im Segment Medical Wellness unterwegs sind, ist vielen Ärzten wahrscheinlich gar nicht bewusst. In der Tat sind die Grenzen zwischen Medical Wellness, Prävention und IGeL schwer zu ziehen.

Konkret können zum Beispiel Angebote wie die Ernährungsberatung, Leistungen wie eine präventive Physiotherapie oder auch Leistungen der Traditionellen Chinesischen Medizin beiden Bereichen zugeordnet werden.

Der Einstieg in Medical Wellness unterscheidet sich damit zumindest bei manchen Angeboten gar nicht so sehr vom IGeL-Einstieg.

Fehlendes Nutzen-Bewusstsein

Viele Ärzte zögern, solche Angebote in ihrer Praxis zu machen. Dabei geht es gar nicht immer darum, dass sie von den Angeboten nicht überzeugt wären.

Wie eine Umfrage der Vilsbiburger Unternehmensberatung Dostal nahelegt, die der “Ärzte Zeitung” vorliegt, sehen viele Ärzte den Einstieg in derartige Zusatzangebote als relativ aufwändig an – bei nur schwer erreichbaren Gewinnen aus der Investition.

Denn auf die Frage, “welche Hinderungsgründe/Hauptschwierigkeiten stehen Ihnen bei der Marktbearbeitung/Zielgruppenerreichung entgegen?”, verwiesen Allgemein- und Fachärzte in der Studie wie auch Apotheker und medizinische Labordienstleister an erster Stelle auf die “fehlende Gesundheitskompetenz der Verbraucher”, respektive das “fehlende Nutzen-Bewusstsein” der Patienten/Kunden.

Sportarzt setzt auf Vibrationstraining

Doch sobald es konkret wird, vor allem dann, wenn ein Arzt wirklich von seinem Zusatzangebot überzeugt ist, zeigt sich, dass Patienten durchaus interessiert an derartigen Leistungen sind.

Wie Ärzte den Bereich Medical Wellness erfolgreich beackern können, zeigt das Beispiel des Münchner Sportmediziners und Sportwissenschaftlers Dr. Dr. Manfred Hartard, der vor einigen Jahren Vibrationstraining als Leistung aufgenommen hat.

Er bezeichnete das Training als “alltagsorientierte dreidimensionale Bewegungsform”. Es sei aber extrem wichtig, dass die Trainierenden richtig an das Gerät herangeführt werden. Ohne fachkundige Anleitung würden Gefäßschäden drohen, warnte er.

Die speziellen Geräte setzt er im Münchner Centrum für Diagnostik und Gesundheit gern bei Patienten mit Osteoporose oder Arthrose ein. Nach seinen Angaben profitieren aber alle Menschen mit muskuloskelettalen Beeinträchtigungen, seien es Rückenschmerzen oder Sprunggelenksverletzungen.

Beim Einstieg könne der Deutsche Medical Wellness Verband laut Hartard hilfreich sein. Der Verband biete erste Verbindungen zu Herstellern oder Kooperationspartnern. Bei der Herstellerwahl sei es vor allem wichtig, auf Qualität zu achten.

Potenzialanalyse durchführen

Niedergelassene Ärzte, die auf Medical Wellness als Behandlungsoption setzen, sollten zuerst eine Potenzialanalyse durchführen und auf deren Basis einen fundierten Businessplan erstellen, bevor sie entsprechende Leistungen anbieten.

So lassen sich Chancen und Risiken des Investments gegeneinander abwägen. In dem Businessplan werden die Eckpunkte wie erwartete Patienten- und Umsatzzahlen den geschätzten Kosten für Personal, Miete und Geräte gegenübergestellt.

Da die Bandbreite der Produkt- und Dienstleistungsangebote im Bereich Medical Wellness sehr groß ist, stellt sich die Frage, wie Ärzte rechtlich und steuerlich sauber agieren können.

Steuerberater empfehlen generell, Medical Wellness Angebote in einem an- oder ausgegliederten Gesundheitszentrum zu erbringen – jedenfalls sobald sie über kurative oder präventive Leistungen hinaus in Richtung Entspannungs- und Wohlfühlangebote gehen.

Damit beugen sie einer drohenden gewerbe- und umsatzsteuerlichen Infizierung sämtlicher Praxiseinnahmen vor.

Kooperationen möglich

Wer das unternehmerische Risiko beim Einstieg in Medical Wellness eingehen will, muss entsprechende Angebote nicht als Einzelkämpfer in der Praxis oder einem praxisparallelen Gesundheitszentrum anbieten.

Denn die Musterberufsordnung der Ärzte erlaubt in Paragraf 23 b die Kooperation mit einem Kollegen oder Partner aus einem anderen medizinischen Heilberuf.

Ausgenommen sind hierbei nur Apotheker und Heilpraktiker. Hausärzte können etwa mit Ernährungsberatern kooperieren, Orthopäden mit Physiotherapeuten. Wichtig hierbei sind die räumliche Trennung und das Verbot von Kick-backs.

Quelle: Ärzte Zeitung online, 20.11.2013, Matthiaswallenfels und Angela Mißlbeck

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