Familienmedizinische Prävention


Verfasser: Dr. Norbert Panitz

Sozialepidemiologische Studien belegen, dass Personen mit geringem Einkommen, niedrigem Bildungsstatus und insgesamt ungünstigeren Lebensbedingungen einen verhältnismäßig schlechten Gesundheitszustand haben. Zudem ist auch bekannt, dass gerade diese Menschen von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung nur selten erreicht werden, obwohl sie die meisten Gesundheitsprobleme haben. Diese Zielgruppe muss verstärkt in den Fokus der Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen genommen werden.

Das Projekt soll die Voraussetzungen prüfen und schaffen im Rahmen strukturierter Interviews und Beratung in frühen Phasen familiärer Entstehung und Konzeptbildung also z.B. während der Schwangerschaft oder innerhalb der ersten 2-3 Lebensjahre des Kleinkindes- präventiv auf die frühe Genese somatischer und psychosomatischer Krankheiten durch Anregung und Einleitung gesundheitsfördernder Maßnahmen einzuwirken. Zu Nutzen macht sich diese dann zu fordernde und fördernde Maßnahme den Zeitpunkt eines im allgemeinen höheren Verantwortungsgefühls der Eltern für die seelische und körperliche Gesundheit aller Familienangehörigen.

Bereits die Früherkennung und Frühintervention könnte über Beratung, Information, Initiierung von evt. bereits notwendigen Behandlungen zu einer erheblichen Kosteneinsparung führen, denn allein Alkohol und Nikotin verursachen 25% aller Behinderungen und Todesfälle.

Die derzeitige (Rehabilitations-) Behandlung ist gut. Sie erreicht aber zu wenige Betroffene und setzt insgesamt zu spät ein.

Diese Maßnahme könnte obligatorischer Bestandteil der Gesundheitsvorsorge werden, wie z.B. die Impfpflicht mit ihren Verdiensten um die Ausrottung von Volksseuchen, und wie diese routinemäßig abhängig von dem vorliegenden Befund in 1-5 Jahren wiederholt werden.

Die wissenschaftliche Grundlage beruht auf den Erkenntnissen der Familienmedizin.

Als beziehungsorientierte Intervention versucht die Familienmedizin die Arzt-Patient-Beziehung, die Beziehungen des Patienten zu seinen Angehörigen und die Beziehung der an der Behandlung des Patienten Beteiligten im Gesundheitssystem für die Gesundung des Patienten zu nutzen. In unserer Konzeption geht es um eine verstärkte Einbeziehung der Angehörigen in die Behandlung des Patienten und um die Synchronisierung der Ressourcen von Behandlungssystem und Angehörigen.

Traditionellerweise dient die Familienmedizin der Behandlung von Patienten mit schweren körperlichen und chronischen Erkrankungen, insbesondere auch alten Patienten. Aktuell sind Aspekte hinzugekommen, die das Verständnis und den Umgang mit Krankheitsmustern betreffen, die über Generationen tradiert werden. In allerjüngster Zeit beschäftigt sich die Familienmedizin auch mit den Auswirkungen der Fertilitätsmedizin und der Pränataldiagnostik, Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Familie.

Ziel des Projektes ist es, die Familienmedizin zur Kostenminderung und Ressourcenoptimierung zu nutzen.

Förderung der Beziehungskompetenzen in der Prävention

Präventionsmaßnahmen sind auf die Bereitstellung und die Förderung von Beziehungs-Ressourcen auszurichten. Kinder und die Familien, in denen sie leben, sind in Krisensituationen zu unterstützen, um die seelische Gesundheit zu erhalten und Krankheiten vorzubeugen. In allen Schwellensituationen des familiären Lebenszyklus kann es in Partnerschaften, in Familien und bei den Einzelnen zu Entwicklungskrisen kommen.

Prävention bei Gewalt

Ein langfristiges Ziel dieser Maßnahmen ist die Prävention von Gewalt in der Kindheit, die als Misshandlung oder sexueller Missbrauch in Familien als ein Risikofaktor für die Entstehung psychischer und psychosomatischer Krankheit angesehen werden muss. In der bisherigen Gewaltforschung konnte gezeigt werden, dass durch Anleitung und Supervision der Umgang mit Gewalt und die Bereitschaft Materialien nebst Anleitung und Supervision im deutschsprachigen Raum verfügbar zu machen, Gewalt sinken lässt.

Der Entstehung von psychischer und somatischer Krankheit soll breitenwirksam vorgebeugt werden.

Ein weiterer Inhalt der präventiven Ausrichtung betrifft die frühe Eltern-Kind-Beziehung. Die Belastungen junger Familien werden von den Betroffenen oft unterschätzt und auch von der Gesellschaft nicht adäquat gewürdigt. Z.B. bildet das sog. “Schreibaby” häufig das Produkt eines Teufelskreises zwischen einer Schwierigkeit zur Selbstregulation beim Baby und der elterlichen inadäquaten Reaktion auf das schreiende Baby. In derartigen Konstellationen werden das Befinden von Mutter und Kind – und regelhaft auch die Paarbeziehung – beeinträchtigt. Die präsentierten Symptome der Babys in der Eltern-Säuglings-Sprechstunde sind: exzessiv schreiende Babys, Schlafstörungen, Fütterungsstörungen, oppositionelles Verhalten. Studien belegen, dass diese Konstellationen einen Grundstein für spätere beziehungsbedingte körperliche und seelische Störungen legen. Die Erarbeitung weiterer präventiver Konzepte ist dringend angezeigt.

Ein partielles Ziel des Projektes ist es, Beratung für Eltern und Kind anzubieten, um die  Teufelskreise frühzeitig zu unterbrechen und damit mittel- und längerfristig körperlichen und seelischen Störungen vorzubeugen.

Die Vorteile einer frühzeitigen und im Bedarfsfall seriellen familien- und sozialbezogenen komplementären soziomedizinischen Diagnostik, Prävention und Beratung, gegebenenfalls auch Behandlung sind vielfältig und überzeugend, berücksichtigen die Komplexität krankheitsverursachender Faktoren pathogener Familien und erscheinen als das  erfolgversprechende Mittel auf die Matrix familiärer Konflikte heilend einzuwirken